Hartig Blog Mai 2018: Der letzte Führerscheinneuling ist ...

Kennen Sie Mario Herger? Ich kannte ihn bis vor kurzem auch nicht. Und dann ist da plötzlich so ein Buch von ihm aufgetaucht. Titel: "Der letzte Führerscheinneuling ist bereits geboren". Was für ein ***** denke ich mir. Aber ignorieren ist nicht so mein Ding. Also habe ich ihn getroffen, den Mario Herger aus dem Silicon Valley. Ich will wissen, wie er das mit seinem Titel meint. Und natürlich möchte ich mit Ihnen darüber nachdenken, was das für uns Fahrschulen, Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer bedeutet.

Samstag, 14. April 2018. Wir sitzen in Gera bei Mike Fischer. Zu Gast ist Mario Herger. Gekommen sind auch Anni und Robin von Dee's Fahrschule, ein politischer Berater der CDU, ein Mann der Presse und ein Kamerateam des ZDF. Das Thema ist bedeutend. Es wird einen Fernsehbeitrag in der Sendung "Berlin direkt" geben. 

Silicon Valley zum Anfassen

Jeder kennt es. Es ist die Geburtsstädte neuer Technologien. Und auch sehr vieler neuer Gedanken. Mario lebt seit 2001 im Silicon Valley. Und damit ist er für mich zum ersten Mal ein Vertreter zum Anfassen. Und ich nehme es gleich vorweg: Ich komme mir an diesem Tag mehrmals vor, als lebe ich im Mittelalter. Und ich bin damit nicht der Einzige. 

Die Pferdescheißekrise von 1894

Mario leitet seine provozierende These mit der Geschichte der Entstehung des Automobils ein. Er macht das gut. Er spricht von der großen Pferdescheißekrise 1894. In Großstädten wie New York oder London gab es jeweils über 100.000 Pferde. Die produzieren pro Tag bis zu 15 kg Pferdeäpfel und einen Liter Urin. Das türmt sich auf den Straßen meterhoch. Dazwischen Menschen. Das echte Leben. Pferdekadaver am Straßenrand. Eklig. Und heute schlicht unvorstellbar.

Das Automobil

Es ist eine Lösung auf den Unrat in den Straßen. Diejenigen, die sich damit beschäftigen, kommen nicht aus der Pferdebranche. Es sind nicht die Sattler, Pferdezüchter und Hufschmiede, die am Nachfolger der Kutsche arbeiten. Carl Benz war ein Maschinenbauingenieur. Nicolaus Otto Erfinder. Gottlieb Daimler ein Industrieller. Und Berta Benz stellte mit ihrem Erbe nach heutigen Maßstäben Venture Capital für die Erfindung ihres Mannes zur Verfügung. Mario belegt mit Fakten und Bildern, dass ein Umbruch oft nicht nativ aus der Branche kommt, sondern von branchenfremden eingeleitet und vorangetrieben wird. Disruption.

Das gilt auch heute

Mario nennt es die 2. Automobilrevolution, die wir aktuell erleben. Und die geht nicht von den großen Herstellern der Branche aus. Es sind eben nicht BMW, VW, Mercedes & Co. die am Nachfolger des heutigen Automobils arbeiten. Es sind die Elon Musks (Tesla), die Larry Pages (Google) oder die Robin Lis (Baidu) dieser Welt, die den Nachfolger heutiger Pferdekutschen in den Markt bringen. Und die sind von Beruf Physiker (Musk) oder Computer Wissenschaftler (Page und Li), Datenexperten, Spezialisten in Sachen "Künstliche Intelligenz". In diesem Zusammenhang fällt ein sehr bemerkenswerter Satz: "Ein Experte erklärt dir immer, warum etwas nicht geht. Ein Branchenfremder kennt diese Beschränkung nicht und probiert einfach aus."

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Noch nie gehört

Mario belegt das an vielen Bildern, Menschen und auch an Firmen, von denen ich eigentlich noch nie gehört habe. Oder kennen Sie Faraday Future? Lucid? Nio? Qiantu Motors? BYD? Und er bringt uns das näher. Zeigt uns, woran die arbeiten und wo die gerade stehen. Und es wird jedem klar, dass das teilweise andere Galaxien sind. Die obigen Beispiele sind übrigens alle in China.

Es kommt noch dicker

Zwischenzeitlich ist Mario beim Autonomen Fahren angelangt. Er zeigt zahlreiche Bilder und Videos von Fahrzeugen die keinen Fahrer mehr brauchen. Über 1.000 seien davon im Silicon Valley zu Testzwecken unterwegs. Er prognostiziert, dass das demnächst an die 25.000 Fahrzeuge sein werden. Und die sammeln Erfahrungen. Kilometer. Erkenntnisse. Tagtäglich. Uneinholbar. Mario liefert eine Grafik. Die stellt dar, welcher Hersteller autonomer Fahrsysteme aktuell wie weit kommt, bis es einen menschlichen Eingriff (Disengagement) durch den Testfahrer braucht. 

2,07 Kilometer!

Auf Platz 1 steht Waymo (Google). Die schaffen statistisch knapp 9.000 Kilometer ohne Eingriff. An Platz 2 finden wir GM Cruise mit etwa 2.000 Kilometern. Dann kommen viele Firmen, die ich nicht kenne. Und dann tauchen da die alten Bekannten auf: Bosch, Valeo, Mercedes Benz. Letzterer schafft 2,07 Kilometer bis zum Eingriff! Also während Google heute schon eine gute Halbjahresfahrleistung von Otto-Normalverbraucher autonom fahren kann, schaffen es die Etablierten noch nicht mal bis zur Hofausfahrt. 

Mittelalter. Pferdescheiße. Sprachlos. So fühle ich mich gerade. Wir diskutieren in diesem Land irgendwelche Dieselplaketten während der Rest der Welt uns auf und davon fährt.

Einstellung

Mario nennt das "Mind Set". Und er liefert ein weiteres Beispiel: Im Zuge des autonomen Fahrens setzt man in Deutschland erst einmal eine Ethik-Kommission ein. Sie kennen die Diskussion. Die Frage ist, wie man mit dem Dilemma umgehen kann, wenn ein autonomes Auto sich in einer Unfallsituation zwischen dem Leben der Insassen (Baum) oder dem Leben des Fußgängers (Straßenrand) entscheiden soll. Das müsse ja ein Programmierer vorher festgelegt haben. 

Schwarmintelligenz

Im Silicon Valley ist man schon weiter. Da programmiert keiner irgendeine Entscheidung zwischen Leben und Tod. Die Fahrzeuge lernen selbst. Die Argumentation dürfte uns Fahrlehrern bekannt vorkommen. Begleitetes Fahren, lebenslanges Lernen, Fahrerfahrung etc.. Und genau das ist die Idee einer autonomen Flotte. Nur lernt da jetzt keiner mehr für sich selbst, sondern die Flotte für alle. Schwarmintelligenz also. Und statt Ethik-Kommission die "Vision Zero". Das sitzt. Schon wieder Mittelalter.

Was bleibt?

Der Tag war beeindruckend. Anstrengend. Und auf dem Nachhauseweg nutze ich ausnahmsweise mal nicht die Möglichkeiten der freien Autobahnen im Osten. Ich mache mir Gedanken. Und natürlich überlege ich, was das für uns Fahrschulen bedeutet. Es wird den letzten Führerscheinneuling geben. Und eigentlich interessiert mich auch gar nicht so sehr wann. Diese Gedanken führen mich in den Protektionismus und den lehne ich ab. 

Geschäftsmodelle

Ich möchte mit Ihnen liebe Leserin, lieber Leser viel mehr darüber nachdenken, wie die Geschäftsmodelle dann aussehen. Was brauchen wir für die Zukunft? Wie geht Fahrschule in den Jahren 2025, 2030 oder 2040? Und ich habe klar verstanden, dass es Modelle sein werden, die wir uns heute noch nicht vorstellen können. Und daher müssen wir anfangen zu denken. Lassen Sie uns dafür Zeit einplanen. Immer wieder. Und lassen Sie uns andere Branchen anschauen. Das macht uns in Sachen Betriebsblindheit vielleicht zu Sehenden. Erkenntnisse lassen sich vielleicht zu uns übertragen. Und lassen Sie uns bitte handeln. Aktiv. Denn die Reaktion ist für mich die schlechtere Alternative.

Was meinen Sie, wollen wir uns gemeinsam die Zeit nehmen?

In diesem Sinne und auf die Zukunft!

Ihr Nils Hartig
Mai 2018