Autonomes Fahren: Spurwechsel in Richtung Vertrauen

Klar ist: Das autonome Fahren wird kommen! Aber nur wenige Verbraucher haben Vertrauen in die neue Technik. Woran liegt das? Und wie steuert der Branchenprimus, die Googles Selbfahr-Tochter Waymo, dagegen?

Stellen Sie sich vor: Ihr Auto parkt auf Knopfdruck von selbst aus. Sie steigen ein. Wählen ein Ziel. Lehnen sich zurück. Schlafen. Lesen Zeitung. Schreiben E-Mails. Den Rest erledigt das Roboterauto von ganz allein. Ein Zukunftstraum? Ja. Aber einer, der sich schon bald erfüllen könnte, selbst wenn er noch weit weg ist. Und einer, der vielen Menschen Angst macht. Dafür gibt es neben der Sorge vor Hackerangriffen und mangelnder Rechtssicherheit gleich mehrere Gründe.

Komplex, sicherheitskritisch, unausgereift

Autonome Autos gelten unter Experten als komplexe sicherheitskritische Systeme, welche für den Massenmarkt gedacht sind. Laut dem neuen Volkswagen-Softwarevorstand Christian Senger wird komplett autonomes Fahren auf absehbare Zeit nicht möglich sein.

„Die 95 Prozent beim autonomen Fahren werden wir relativ schnell erreichen", sagte Senger jüngst dem Berliner TAGESSPIEGEL. "Bis wir dann die 99,9 Prozent erreichen, also nahezu komplett autonomes Fahren ermöglichen können, wird es richtig Kraft kosten“, so der Wolfsburger.

Automatisch heißt automatisch – für alle!

Rollt in einem Wohngebiet ein Ball auf die Straße, tritt ein Mensch am Steuer eines Autos intuitiv auf das Bremspedal. Er rechnet damit, dass zwischen den parkenden Autos gleich ein Kind seinem Ball nachjagen wird. Ein automatisiertes Auto kann diese Verknüpfung derzeit noch nicht verarbeiten. Außerdem betonen Verkehrsexperten, dass das autonome Fahren nur funktionieren kann, wenn sich alle Autos automatisch fortbewegen und keine „klassischen“ Fahrzeuge mehr daruntermischen.

Probleme in wachsenden Städten

Viele Bevölkerungsstudien gehen davon aus: Städte wachsen – Regionen schrumpfen. Das hat gravierende Folgen – auch für fahrerlose Autos. Sie funktionieren zuverlässiger, wenn die Verkehrsumgebung einfach ist. Etwa auf Bundestraßen oder Autobahnen. Im Vergleich dazu kommen computergestützten Automobile in Städten schlechter weg. Unübersichtliche Verkehrslagen, Kreuzungen und unterschiedliche Verkehrsteilnehmer bremsen sie aus.

Wer soll das bezahlen?

Ein weitere Herausforderung: Radar-Laser-Systeme, Sensoren, Kameras, Software, kurz die verbaute Technik, in „Autonomen“ ist teuer. Kirsten Rulf, die an der Harvard University in Cambridge die "Autonomous Vehicle Policy Initiative" gegründet hat, sieht Computer auf Rädern erst in 20 bis 25 Jahren für Privatpersonen einigermaßen erschwinglich – und das nur in den höheren Fahrzeugklassen.

Vertrauenssache, wenn Computer ans Steuer dürfen

Auf den Punkt gebracht: Die meisten Menschen begegnen autonomen Autos mit Skepsis. Viele fragen sich, warum das alles? Eine Technik, die Fehler macht, wird gesellschaftlich nicht akzeptiert werden. Während vielen Pendlern das Autofahren oft zu mühsam, zeitaufwändig und eintönig ist, möchten andere den Spaß am Kutschieren nicht verlieren, wenn das Auto selbst an alles denkt?

Nur 1.000 Kunden bei Roboter-Taxidienst

Googles Selbfahr-Tochter Waymo hatte vor sechs Monaten den ersten kommerziellen Robotertaxi-Dienst in einem Vorort von Phoenix, Arizona gestartet. Gerade einmal 1.000 Kunden haben sich für den "Waymo One" benannten Taxidienst bisher registriert. Andere Fahrdienstvermittler und Car-Sharer kommen in Vergleichszeiträumen auf ganz andere Kundenzahlen.


In der Pilotphase schickte Waymo seine Robotertaxis ohne Kontrollfahrer auf die Straße – als Beweis dafür, dass die Selbstfahr-Technik funktioniert. Mit dem offiziellen Start des Digital-Taxidienstes setzten die Kalifornier jedoch wieder auf menschliche Sicherheitsfahrer hinter dem nach wie vor vorhandenen Steuer, um Ängste bei den Nutzern zu minimieren. Quelle: www.waymo.com

Vertrauen in selbstfahrende Autos wird das mobiltätstechnische Nadelöhr sein, was darüber entscheidet, ob digitales Fahren eine Zukunft hat oder nicht. Zwar verlassen wir uns schon heute fast blind darauf, von Google Maps sicher navigiert zu werden. Lassen selbstfahrende Rasenmäher durch die Botanik flitzen. Oder setzen auf den Autopiloten bei der nächsten Urlaubsreise per Flugzeug. Um jedoch auch im Auto die volle Kontrolle an einen Roboter abzugeben, ist ein neues, höheres Maß an Vertrauen erforderlich.

So arbeitet Waymo an Autos, die Sicherheit geben

Waymo arbeitet deshalb fieberhaft an den Akzeptanzproblemen. Zu den vertrauensbildenden Maßnahmen, die das Unternehmen gerade testet, gehören:

  • Persönliche Begrüßung und ruhige Entspannungsmusik beim Einsteigen – solange bis der Passagier den Startknopf drückt, um von A nach B zu kommen.

  • Daten übersichtlich und verständlich präsentiert: Auf kleinen Monitoren können Insassen mitverfolgen, was das Fahrzeug alles sieht und wohin es steuert – trotz einer Unmenge an Daten, die im Hintergrund gesammelt werden. Schnell wird Mitfahrern so signalisiert, dass das Fahrzeug die wichtigsten Objekte im Blickfeld hat und entsprechend reagiert.

Bild 2 Waymo Datenansicht voll Bild 3 Waymo Datenansicht reduziert
Autonome Fahrzeuge erfassen alle Daten über sie umgebende Objekte, Verkehrsmuster und geben Sie an eine Cloud weiter. Allerdings sehen Waymo-One-Passagiere nicht alles - stattdessen nur aufgeräumte Bilder und deutlich gekennzeichnete Reise-Updates (siehe Datengrafik rechts). Quelle: www.waymo.com

  • Warnton bei überraschenden Verkehrsmanövern: Abrupte Bremsungen, plötzliches Überholen – in bestimmten Verkehrssituationen ertönt ein Warnton im Fahrzeug mit einem Hinweis, warum das Fahrzeug gerade diese Maßnahme ergriffen hat. Bei höheren Dringlichkeitsstufen, beispielsweise wenn eine Fahrertür nicht richtig geschlossen ist, erklingen aktivierendere Audiotöne.

Bild 4 Waymo Statusebene
Ein Status-Display vermittelt die Entscheidungsfindung von Waymo und informiert den Fahrer über alle Neuigkeiten während der Fahrt. Quelle: www.waymo.com

Der Mensch will nicht, was die Technik nicht kann 

Fakt ist: Autonome Fahrzeugtechnologien, insbesondere im PKW-Bereich, werden weltweit kritisch beäugt. Der aktuellen Deloitte Global Automotive Consumer Study 2019 zufolge zweifelt jeder zweite Deutsche daran, dass autonom fahrende Autos sicher sind. Ähnlich hoch ist das Misstrauen bei US-Bürgern und Japanern. Italiener und Chinesen hingegen haben mehr Vertrauen in die Technik. Für die Autohersteller bedeutet dies, ihre Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten voranzutreiben – trotz geringer Sicherheit, ob und wann sich die Investitionen jemals auszahlen. Der Waymo-Ansatz mit Entspannungsmusik und überschaubaren Informationen Akzeptanz erzeugen zu wollen, geht sicherlich in die richtige Richtung, doch der große Wurf ist es nicht.