Mir ist vor längerer Zeit eine Idee angetragen worden, die mich irgendwie nicht mehr loslässt. Kennen Sie das, wenn das Unterbewusstsein wie im alten "Otto-Film" ständig Engelchen + Teufelchen spielt? Und wenn das über längere Zeit nicht mehr aufhört, dann muss man drüber sprechen. Gedanken austauschen. Ideen sammeln. Vor- und Nachteile abwägen. Und damit gehört die Idee genau hier her, in den Juli-Blog-2014

In den Zweiradklassen machen wir seit Jahren gute Erfahrungen damit: In der praktischen Prüfung fährt der Bewerber um die Fahrerlaubnis voraus. Eigenständig. Alleine. Verbunden über den Führungsfunk. Das gibt dem Prüfling die Chance sein Können unbeeinflusst durch ein vorherfahrendes Fahrschulauto unter Beweis zu stellen. Es ist auch ein Vertrauensbeweis durch den Fahrlehrer. Und nicht zuletzt lässt sich das Geschehen durch den Prüfer im hinterherfahrenden Auto schlicht und einfach besser beurteilen.

Klasse B vorausIst so etwas denkbar auch für die Prüfungen der Klasse B?
Nein, schmunzelt mein Teufelchen sarkastisch. Du wärst schlagartig der beste Freund deiner Werkstatt, weil du Woche für Woche mit abgefahrenen Außenspiegeln daher kämest. Und überhaupt, das wäre ja lebensgefährlich! Mit dem Auto. In der Prüfung. Völlig allein!

Ja aber warum geht das denn in der Klasse A, kontert mein Engelchen? Lebensgefährlich? Motorradfahren hat doch ein viel höheres Risiko als Autofahren. Unfallfolgen sind auf dem Motorrad viel drastischer.

Ja da geht das, weil die meisten Motorradprüflinge einen Vorbesitz haben. Das sind keine reinen Verkehrsanfänger wie beim Auto, wettert der Teufel.

Und in der Klasse AM? Klasse A1? Da sind es sogar reine Verkehrsanfänger und Minderjährige dazu!

Die haben aber nicht die Geschwindigkeit und die Masse. Und breiter ist ein Auto auch. Das ginge nie im Leben gut!

Und nach bestandener Prüfung? Was passiert da? Da fährt dein 18-jähriger Schüler auch sofort und komplett eigenständig mit dem Auto. Und viele berichten doch sogar vom "Bammel", den sie bei der ersten Alleinfahrt hatten. So ganz ohne den gewohnten Fahrlehrer daneben. Und ich sag ja auch nicht, dass der Schüler von der ersten Fahrstunde an alleine fahren soll. Das fängt sicher in der Grund- und Aufbaustufe wie gewohnt an. Auch in der Leistungsstufe braucht es den Fahrlehrer auf dem Beifahrersitz. Aber vielleicht gibt es dann eine sukzzesive Übergabe der Verantwortung an den Fahrschüler. Im Schonraum. Mit einfachen Fahraufgaben. Vertrauensbildend. Verantwortungsfördernd. Von leicht nach schwer. Mit wachsender Verkehrsdichte und steigendem Schwierigkeitsgrad. Und in der Reifestufe fährt er dann überwiegend allein, argumentiert mein Engel.

Ja, aber dann brauchen die doch mehr Fahrstunden!

Stimmt. Bei deinem Wettbewerber aber auch! Und wäre das zu deinem Nachteil?

Mhmmmmmmm, dampft der Teufel .....

Du erzählst mir doch immer, in der Branche gäbe es schwarze Schafe!? Was würde denn passieren, wenn ab morgen alle in der praktischen Prüfung Klasse B vorausfahren müssten?

Na die schwarzen Schafe bekämen blitzschnell Probleme mit ihren Außenspiegeln, grinst der Teufel.

Und was wäre das Ergebnis, wenn die schwarzen Schafe ihrem Versicherer jede Woche zwei Außenspiegel und einen Kotflügel in Rechnung stellen?

Naja, die würden irgendwann rausfliegen.

Genau. Qualitativ hochwertige Ausbildung hat eben ihren Preis. "Billigheimern" würde die Existenzgrundlage entzogen. 

Das würde dennoch nicht gutgehen. Natürlich bilde ich meine Fahrschüler sorgfältig aus! Und trotzdem kann ich nicht dafür garantieren, dass der Spiegel dran bleibt.

Und wie machst du das bei den Zweiradklassen? Vielleicht ist es dort ja genau die von Anfang an klar bewusste Eigenverantwortung, die den Schüler verantwortungsvoller werden lässt. Und sicher, die gesamte Ausbildung muss überdacht und angepasst werden. Auch technische Möglichkeiten dürfen dabei nicht außer Acht gelassen werden. Und denk erst mal an die Reputation des Berufsstandes. Fahrausbildung und damit deine tägliche Arbeit bekäme endlich den Stellenwert, den sie verdient. Die ganzen "Hobbyfahrlehrer", die dir ständig erzählen, dass sie selbst den Führerschein damals mit nur 5 Fahrstunden gemacht haben, die bittest du den Schüler im eigenen Auto vorausfahren zu lassen ...

Und was ist mit meinen Kosten? Ich brauche dann ja ein zweites Fahrzeug für den Prüfer und mich, bedenkt der Teufel.

Deine Chance auf Elektromobilität ....

... und erst der organisatorische Aufwand! Wie soll das gehen?

Vielleicht kann die praktische Prüfung ja in verschiedene Abschnitte unterteilt werden: Grundfahraufgaben, Sicherheitskontrollen, a.g.O und Autobahnfahrten und z. B. die Alleinfahrt i.g.O ...

... ja, aber ....

Meine Gedankenschleifen zwischen Engelchen + Teufelchen ließen sich an dieser Stelle unendlich fortschreiben. Aber wie geht es Ihnen dabei? Was argumentieren Ihre inneren Stimmen? Lassen Sie mich daran teilhaben. Es ist Zeit, über den Tellerrand hinaus zu blicken. Gedankenspiele sind wichtig für die Branche. Schreiben Sie mir unter info@fortbildung33.de und sagen Sie uns, ob wir Ihre Gedanken an dieser Stelle veröffentlichen dürfen.

____________________________________________________

Tobias Maihöfer von der Fahrschule Maihöfer schreibt uns am 13.07.2014 per Mail:

Hallo an das "Fortbildung 33" Team,

ich finde es schön, das über das aktuelle "Tages-Fahrschul-Geschäft" hinaus Gedanken und Ideen ausgetauscht werden, nur aus Visionen entstehen neue Möglichkeiten eingefahrene Gleise irgendwann einmal zu verlassen.

Um ehrlich zu sein, ich bin überhaupt noch nicht darauf gekommen die praktische Prüfung der Klasse B eigenständig durch den Bewerber absolvieren zu lassen, obwohl wir das ja bereits aus den Zweirad-Klassen,  wo das für den Bewerber ja noch viel gefährlicher ist , sowie beim Klasse T-Führerschein kennen und es zu unserem Alltag gehört.

Grundsätzlich eine interessante Idee. Allerdings glaube ich, das wir in Deutschland die Prüfungsfahrt überbewerten. In dieser Fahrt zeigt der Bewerber einmalig, das er mit den in der Fahrschule trainierten Situationen umgehen kann, das er die nötigen Fahrfertigkeiten besitzt. Aber, ist der Prüfling mit einer souveränen Prüfungsfahrt später wirklich der sichere und angepasste Verkehrsteilnehmer? Wenn dem so wäre, müsste ja die Unfall-Statistik  der Fahranfänger, mit dem anheben von Prüfungsanforderungen - in diesem Fall durch die erhöhte Eigenverantwortung allein im Fahrzeug agieren zu müssen - sinken.

In der Vergangenheit war jedoch durch ein Anheben von Prüfungsanforderungen noch keine langfristige und nachhaltige Senkung von Unfällen zu beobachten. Warum? In der Ausbildung und Prüfung werden die Motive, die ein Fahrer später beim Fahren entwickelt, kaum berücksichtigt. Für das spätere Fahrverhalten sind 4 hierarchische Handlungsebenen von Bedeutung: ( Quelle: Keskinen,1996)
Erste Ebene: Lebensziele und Fertigkeiten für das Leben: Bedeutung des Autos und des Fahrens für die persönliche Entwicklung/Fähigkeiten zur Selbstkontrolle
Zweite Ebene: Zielsetzung und Kontext des Fahrens: Zielsetzung des Fahren/Umgebung/sozialer Kontext/Umgang
Dritte Ebene: Bewältigung von Verkehrssituationen: Anpassung an die Anforderungen der aktuellen Verkehrssituation
Vierte Ebene: Lenken von Fahrzeugen: Wahl der richtigen Geschwindigkeit,, Fahrrichtung bestimmen, Position auf Strasse wählen.

Dazu ein Beispiel: Ein junger Mann, dem Autos viel bedeuten, der gerne fährt und der auf diese Weise seine Identität massgeblich aufbaut ( erste Ebene ), wird vermehrt Fahrten aus reiner Freude und wenn möglich in Begleitung von Freunden durchführen ( zweite Ebene ). Da es ihm wichtig ist, dass andere sehen, was und wie er fährt, ergeben sich auch Anforderungen an sein Fahrverhalten. Wenn er durch schnelles Fahren Anerkennung erlangen möchte, steigen durch die hohe Geschwindigkeit die Anforderungen an ihn, die konkrete Verkehrs-Situation zu meistern ( dritte Ebene ). Ein risikoreiches Fahrverhalten kann jedoch seine Fahrfertigkeiten (vierte Ebene) überfordern. All diese Motive der jeweiligen Ebenen spielen in einer einmaligen Prüfungssituation kaum eine Rolle.

Warum hat das begleitende Fahren zu einem signifikanten Rückgang von Unfällen bei Fahranfängern beigetragen? Ich denke unter anderem auch, weil Motive beim Fahren in der Phase des begleitenden Fahrens im geschützten Rahmen ausprobiert und diskutiert werden konnten. Einmal abgesehen, von mehr "Er-Fahrung"  im wahrsten Sinne des Wortes.

Mein Plädoyer wäre: Statt ausgefeilterer Prüfungssituationen einmal über die Grenze nach Österreich oder  Finnland schauen: Feedback-Fahren, verkehrspsychologisches Gruppen-Gespräch,  Fahrsicherheits-Training Konsequenzen bei Nichtabsolvierung.
Die Evaluation dieser Mehrphasen-Ausbildung zeigten in Österreich eine überdurchschnittlich positive Kundenzufriedenheit und schon von Beginn an deutliche Rückgänge bei den Unfallzahlen ( Quelle: Bartl & Esberger 2006, sowie Gatscha & Brandstätter 2007/2008 )

Die einzelnen Verkehrsteilnehmer werden auch bei optimalen Rahmenbedingungen ( Straßenbau, Gesetzgebung, Technik ) sicherheitsrelevante Entscheidungen treffen müssen.
Ihre Einstellungen, Gewohnheiten und Befindlichkeiten entscheiden häufig darüber, wie gross das Unfallrisiko in einer Situation ist. Verhaltensbeeinflussende pädagogische Maßnahmen haben deshalb Vorrang vor ausgefeilteren Prüfungskonzeptionen. Die Mehrbelastung durch das Mehrphasen-Modell in Österreich belaufen sich auf ca. 150,00 bis 200,00 €.

Deshalb: Vorfahrt für "Vision Zero" - Keiner kommt um - alle  kommen an. Ein Motto des DVR. das mir sehr gut gefällt. Bleiben wir dran!

____________________________________________________

Dietmar Heblich von der Fahrschule Heblich schreibt uns am 11.10.2014 per Mail:

Guten Tag Herr Hartig,
habe gerade Ihren Juli-Blog gelesen und sage Ihnen dazu folgendes: Hatten wir alles schon!!!
In Wiesbaden  wurden zu VW-Käfers Zeiten die praktischen Prüfungen  der Grundübungen auf einem abgesteckten Parcours von den Prüflingen ALLEINE, also ohne Fahrlehrer auf dem Beifahrersitz, durchgeführt.
Es handelte sich dabei um
- Vorwärts-Berganfahren,
- Einparken links oder rechts in Längsrichtung (wurde ausgelost),
- Einfahren in eine Kopf-Parklücke vorwärts,
- Rückwärts-Berganfahren,
- Einfahren in eine Kopf-Parklücke rückwärts,
- In einem Slalom vorwärts zum Ende des Parcours fahren und dann
- am Stop-Zeichen anhalten.
Das alles mußte in einer vorgegebenen Zeit  erledigt werden (die benötigte Zeit wurde per Stop-Uhr festgehalten) und wer die aufgestellten Pylone  (mit Fähnchen) umwarf, hatte die Prüfung nicht bestanden.
Geübt wurde natürlich vorher, ebenfalls ohne Fahrlehrer auf dem Beifahrersitz. Ich selbst hatte mir eine lange elektr. Leitung konstruiert mit einem Stop-Schalter, der an die Zündspule angeschlossen wurde und die Zündung unterbrach, wenn es notwendig wurde.
Der Erfolg dieser Methoden war, dass die Fahrschüler wirklich ALLEINE fuhren und alle Fehler auf ihr eigenes Konto ging. Sie lernten hier wirklich Eigenverantwortung, und das verhältnismässig schnell.
Für den Fahrlehrer war es auch sehr gut, weil durch das Hinterherlaufen mit der Stop-Leine die Fahrlehrer endlich auch mal während der Arbeit Sport treiben konnten.
Freundliche Grüsse aus Wiesbaden,

Dietmar Heblich