Da ist ganz schön was los in der Fahrschulbranche. Würde man das im Stil eines Michael Buffers machen, würde man die Kontrahenten wie folgt ansagen: In der roten Ecke, exakt 347,3 Pfund schwer, lange Zeit einer der einflussreichsten Lobbyisten der Branche, finanziell unterstützt durch die Kaufkraft der Fachverlage, wissenschaftlich begleitet durch die Deutsche Fahrlehrer Akademie und für sich in Anspruch nehmend 80% der deutschen Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer zu vertreten: Die Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände! 

In der blauen Ecke die Herausforderer: Superleichtgewichtig aber ausgestattet mit dem Willen Fahrausbildung an die Anforderungen des 21. Jahrhunderts anzupassen. Unterstützt durch die Bundesländer Baden-Württemberg, Hessen und Hamburg. Moralisch legitimiert durch fortschreitende Digitalisierung und die Pandemie. Die Modernisierer BDFU, VIFD, BDO, ADAC und DVR! Dieser Boxkampf in Sachen Onlineunterricht in Fahrschulen ist in der heutigen Bundesratsitzung in eine entscheidende weitere Runde gekommen. UND WAS DABEI HERAUSKAM, DAS GIBT ES HIER:

 

Onlineunterricht polarisiert die Branche seit dem ersten Lockdown im März 2020. Die einen, also die in der blauen Ecke versuchen unter den durch die Pandemie gebotenen Kontaktbeschränkungen Lösungen sowohl für ihre Kunden als auch für das eigene Unternehmen und ihrer Mitarbeiter zu suchen. Die anderen, also die rote Ecke, befürchtet, dass durch die temporär geschaffene Möglichkeit des Online-Theorieunterrichtes, eine dauerhafte Status Quo Änderung quasi durch die Hintertür herbeigeführt wird. Davor hat man Angst. Ist doch die eher kleinteilige Struktur Deutscher Fahrschulen ein machtpolitisches Interesse von Verbänden und Verlagen. Schwergewichte sind da hinderlich.

So weit, so gut. Nun darf ja jeder und auch Gott sei Dank in diesem Land seine Meinung äußern. Was mir dabei aber so richtig auf den Keks geht, ist die Doppelmoral, mit der das getan wird. Und wenn man sich den Boxkampf so anhört, dann fliegen da die Fäuste mit verbalen KO Schlägen. 

Die einen reden von Aldi Fahrschulen, die im Falle eines dauerhaften Online Unterrichtes das ganze Land durchsetzen und die über Jahrzehnte etablierten Fahrschulen in einem gnadenlosen Verdrängungswettbewerb aus dem Markt schieben. Nachdruck in Form eines Uppercuts ist dann immer und überall die viel zitierte Verkehrssicherheit, die in einem Online Unterricht massiv gefährdet sei. 

Die anderen träumen davon, Unterricht skalierbar zu machen. Also statt der vielen dezentralen Filialen, eine virtuelle Filiale zu etablieren, um Kosten zu sparen, dringend benötigte Fahrlehrerressourcen für die Fahrstunden freizubekommen und zeitnotgeplagten Fahrschulkunden die Rüstzeiten, also An- und Abfahrt für die Theorie zu ersparen.

Das führt bei ersteren wiederum zu enormen Pulsschlag. Da werden Horrorszenarien über Onlineunterrichte mit 1.000 Teilnehmern und mehr skizziert, welche ja ganz sicher nicht im Sinne der viel zitierten Verkehrssicherheit sein könnten. Wer Lust hat und Unterhaltung sucht, der nehme sich eine Flasche Wein und die letzte Stellungnahme von BVR, DFA und moving. Die Hilflosigkeit der Argumentation hat echten Unterhaltungswert und ist garantiert besser als der aktuelle James Bond. Ich verlinke die Dokumente gerne unter diesem Beitrag. 

Der Bundesrat hat sich nun heute am 11. Februar 2022 damit beschäftigt. Um das nun mit Fakten aufzuladen: Es geht um die Bundesratdrucksache 858/21 sowie um die Empfehlungen des Verkehrsausschusses vom 28. Januar 2022, zu lesen in der Drucksache 858/1/21. Ich habe euch das alles unter diesem Beitrag verlinkt.

Der entscheidende Passus findet sich in §4 Absatz 1b der FahrschAusbO. Es geht in Satz 2 um die drei Worte “oder nur eingeschränkt”. Der theoretische Unterricht setzt die physische Präsenz der Fahrschüler voraus. Ist Präsenzunterricht in begründeten Ausnahmefällen nicht möglich, kann der Unterricht mit Genehmigung der nach Landesrecht zuständigen Behörden auch in digitaler Form stattfinden. 

Dem Verkehrsausschuss geht das nicht weit genug. Er möchte diese 3 Wörter im §4 Absatz 1b drin haben. Er begrüßt einen bundesweit einheitlichen Rahmen für die Durchführung von Online Unterricht ausdrücklich.

In der Begründung ist zu lesen, dass nach dem ursprünglich geplanten Wortlaut, also ohne die drei  Wörter, Onlineunterricht nur dann in Betracht käme, wenn „Präsenzunterricht nicht möglich ist“. Eine solche Regelung wäre das Aus für den Onlineunterricht in der theoretischen Fahrschulausbildung. In Deutschland, so der Verkehrsausschuss, ist theoretischer Fahrschulunterricht in Präsenz derzeit zwar Einschränkungen unterworfen, aber sowohl rechtlich zulässig als auch tatsächlich möglich. Mit dem Inkrafttreten der Änderungsverordnung dürfte digitaler Theorieunterricht nicht länger absolviert werden, weil der Präsenzunterricht eben möglich und die Tatbestandsvoraussetzung der Norm damit nicht erfüllt ist.

Ich zitiere weiter: Die Änderung ermöglicht Onlineunterricht auch dann, wenn der Präsenzunterricht zwar möglich ist, aber Einschränkungen unterliegt. E-Learning in Fahrschulen leistet gerade in der aktuellen Lage einen wichtigen Beitrag zur Kontaktreduzierung und damit zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Es ist nicht einzusehen, warum Onlineunterricht nur dann zulässig sein soll, wenn die Situation so dramatisch ist, dass Präsenzunterricht nicht durchgeführt werden kann (beziehungsweise darf). So die Begründung des Verkehrsausschusses. 

Darüber hat der Bundesrat nun heute entschieden und den vorgeschlagenen Änderungen des Verkehrsausschusses zugestimmt. Aus meiner Sicht ist das klug. Man hat sich damit frei von Lobbyinteressen gemacht, zeigt sich offen und im Sinne einer bürger- bzw. kundenfreundlichen Lösung.

Aber warum polarisiert dieses Thema eigentlich so stark innerhalb der Branche und eigentlich nur dort?

Es geht natürlich ums Geld. Und das ist auch erst einmal ok so. Was mich daran so ankotzt, ist, dass man das nicht einfach auch so beim Namen nennt. Stattdessen wird Angst geschürt, nahezu religiös beschwört und das eigentlich nüchterne Thema zum Glaubenskrieg hochstilisiert. 

Dabei ist es doch ganz einfach. Es gibt, wie immer, Befürworter einer Sache und Gegner. Es gibt FahrlehrerInnen, die fühlen sich im Präsenzunterricht wohl und welche, die haben für sich den Onlineunterricht entdeckt. Und beides ist doch ok. 

Es gibt Präsenzunterrichte, für die man sich nur noch fremdschämen kann genauso, wie es Onlinetheorie gibt, die wertlos ist. Und ja, ich kenne super sensationellen Fahrschulunterricht, der spannend, motivierend, fesselnd und absolut gewinnbringend ist. Und ich habe diesen Unterricht in beiden Formaten gesehen: Als Präsenzveranstaltung und auch online.  

Und nun ist doch die Frage, was macht diesen Unterricht aus. Und meine Antwort dahinter ist für mich glasklar und ganz einfach: Es ist der Mensch! Du bist es! Und das ist auch gut so. Weil wenn nicht du den Unterschied ausmachen würdest, sondern nur irgendwelche Technik oder ein Format, dann würde ich die berechtigte Frage aufwerfen: Warum braucht es dich also überhaupt? 

Der Mensch ist der Unterschied. Der Lehrer hat die Verantwortung. Du machst es aus. Gott sei Dank! Und lass dich bitte nicht in einen Glaubenskrieg verwickeln. Gehe in Verantwortung. Bereite dich vor. Entdecke deine Leidenschaft für dein Format und mache es, mit allem, was du in die Waagschale werfen kannst. Lass dich nicht bequatschen. Mach dein Ding. Missioniere nicht, mach das, wofür du brennst.  

In diesem Sinn hat der Bundesrat heute eine sehr weise Entscheidung getroffen. Glückwunsch dazu.

Übrigens: Worüber ich mich viel lieber streiten würde, als um dieses dämliche Format, wären die Inhalte des Theorieunterrichtes in Fahrschulen. Dort liegt aus meiner Sicht so ziemlich alles im Argen. Das ist Steinzeit. Das gehört längst entrümpelt. Und da liegt für mich der eigentliche Handlungsbedarf.

 Aber auch hier nehmen die Lobbyisten bereits kräftig Anlauf. OFSA II heißt das Stichwort. Was man dort so vorhat, ist höflich ausgedrückt verklärt romantisch. Aber das ist mal ein Thema, für ein anderes Video.

 Also: Mach dein Ding. Lass dich nicht bequatschen. Und sei kein Missionar.

Wir sehen uns, im nächsten Video.

Bundesdrucksache 858/21

Bundesdrucksache 858/1/21  

Fahrschulbranche in Sorge: Theorieunterricht braucht Präsenzstunden!