Sie kennen die Anlage 7 der Fahrerlaubnisverordnung (FeV). Und mit großer Wahrscheinlichkeit auch den Wortlaut der Nummer 2.2.4. Es geht um die Prüfungsfahrzeuge für die Fahrerlaubnisklasse B: Eine bbH von mindestens 130 km/h. Mindestens vier Sitzplätze. Und auf der rechten Seite mindestens zwei Türen, die unabhängig voneinander zu öffnen sind. Und an einem entscheidenden Wörtchen in diesem letzten Punkt erzürnen sich gerade die Geister. Mehr davon in diesem Hartig-Blog für den August 2019.

Das Thema nimmt allmählich Fahrt auf. Mein Telefon klingelt immer öfter mit folgender Problemstellung: "Ja, ich möchte gerne einen Teil meines Fahrschulfuhrparks elektrifizieren. Aber welches E-Auto ist denn prüfungstauglich?".

Gute Frage

Es ist tatsächlich gar nicht so leicht, ein E-Auto zu finden, welches alltagstauglich für Fahrschulen ist und gleichzeitig eine Prüfungszulassung hat. Während sich im ersten Kriterium (Alltagstauglichkeit) zunehmend Bewegung erkennbar macht, scheint man im zweiten (Prüfungszulassung) auf der Stelle zu stehen. Kritisch betrachtet, bewegt man sich sogar rückwärts. Dabei führt man ein Killerargument ins Feld: Arbeitsplatzsicherheit.

Arbeitsplatzsicherheit

Gemeint ist hier nicht der Verlust des Arbeitsplatzes. Man spricht von der passiven Sicherheit für den aaSoP. Und das ist erst einmal gut so. Es muss alles getan werden, um die folgen eines Verkehrsunfalls so gering wie möglich zu halten. Und tatsächlich ist hier in den letzen Jahren in der Fahrzeugentwicklung enormes geleistet worden. Ein Offset-Aufprall mit 50 km/h in einem Golf I endete 1975 für die Insassen mit schwersten Verletzungen, oft sogar tödlich. Ich selbst musste einmal hilflos miterleben, wie nach einem Unfall in diesem Fahrzeug der eingeklemmte Beifahrer verbrannte. 

Das gleiche Szenario in einem aktuellen Pkw ist heute nicht mehr lebensbedrohlich für die Inssasen. Dankeschön liebe Ingenieure in der Fahrzeugindustrie und der Unfallprävention.

Unabhängig

Es ist unstrittig. Die Zahl der Verkehrstoten sinkt, dank immer besser funktionierender Fahrzeuge. Darüber dürften sich auch alle freuen, die im Auto ihren Arbeitsplatz haben. Und daher ist es so unverständlich, dass sich in der Anlage 7 der FeV, im Punkt 2.2.4 aktuell ein kleines Wörtchen eingeschlichen hat: "Unabhängig". Klasse B Prüfungsfahrzeuge brauchen auf der rechten Seite zwei Türen, damit der aaSoP ein- und aussteigen kann. Ein BMW i3 hat diese beiden Türen. Sie sind aber nicht unabhängig voneinader zu öffnen. Daran stören sich die Herren von TüV und DEKRA. Es nimmt ihnen im Zweifel eine Fluchtmöglichkeit. Und daher müssen prüfungstaugliche Pkw nun zwei unabhängig voneinander zu öffnende Türen auf der rechten Seite haben. Punkt. Und schon wieder verringert sich die Anzahl möglicher E-Fahrschulautos um -1.

Vor was wollen die da eigentlich fliehen?

Diese Frage ist berechtigt. Gibt es eigentlich eine Erhebung darüber, wie oft bei den ca. 1.3 Mio PKW-Fahrerlaubnisprüfungen pro Jahr der Prüfer flüchten musste. Und zwar in dem Maße, dass der vor ihm sitzende Fahrlehrer nicht mehr in der Lage gewesen wäre, die rechte Tür zu öffnen? Was soll das? Welche Argumente werden da eigentlich in der Causa völlig verdreht herbeigeführt? Und mit welchem Ziel? Was soll denn hier beschützt werden? Geht es wirklich um den Prüfer?

Eine Frage von Millimetern

Ich habe es Ihnen diesem Blog angehängt. Das Datenblatt für die Begutachtung von PKW auf ihre Eignung als Prüfungsfahrzeuge. Das allermeiste darin wirkt auf mich antiquiert. Ob der Tacho einsehbar ist!? Ich bin wieder beim Golf I. Da lag der Tacho als einzelnes Rundinstrument in einer tiefen Höhle. Und ja, er war für andere im Fahrzeug schwer einsehbar. Wenn ich mir heutige Fahrzeuge mit ihren riesigen Displays und digitalen Instrumenten anschaue, stellt sich die Frage des Begutachtungsblattes gar nicht mehr. Fahrzeuginstrumente wandern zusehends in die Mitte, oft als großes Display. Und nicht nur in amerikanischen Elektroautos. Gleiches gilt für die Kontrolle des Blinkers.
03 Webseite gross Maße

Download Datenblatt Begutachtung Fahrzeug als Prüfungsfahrzeug

Der Versuch, den Arbeitsplatz des aaSoP mit einem Mindestmaß an Sitzkomfort auszustatten, verstehe ich dagegen eher. Wenngleich aus meiner Sicht die Berufswahl des aaSoP und damit die Entscheidung, einen großen Teil seiner Arbeitszeit auf dem Rücksitz eines Pkw zu verbringen, eine Freie ist. Eine gesetzlich verankerte ähnliche Vorschrift bspw. für Fahrlehrer, Taxifahrer & Co. kenne ich nicht. Und diese Berufsgruppen verbringen noch viel mehr Zeit im Auto.

Einfach schade

Und so ist es einfach nur schade, dass heute so manches E-Auto an wenigen Millimetern scheitert. Der Abstand "L5", der das Maß zwischen Rückbank und Fahrzeugheck beschreibt, ist ein Beispiel dafür. Irgendwann wurden dort 700 Millimeter festgelegt. Ehrenwerte Absicht dahinter ist sicher die passive Sicherheit des Prüfers. Und ja, der typische Fahrschulunfall ist ein auffahrendes Fahrzeug. Und die Frage ist, ob ich bei einem Heck-Auffahrunfall lieber in einem Golf I oder einem Renault ZOE sitzen würde?!

Ein Appell

Es ist nicht meine Absicht zu stänkern. Jeder aaSoP soll sich in der Prüfung komfortabel chauffiert und sicher fühlen. Und dieses Gefühl soll sich nicht an Millimetern einstellen sondern an der Art und Weise, wie die Prüfung stattfindet. Am Können des Prüflings. An der guten Vorbereitung durch den Fahrlehrer. An der verständnisvollen Tonlage des Prüfers und dem daraus entstehenden Selbstvertrauen des Bewerbers. Und bitte lieber Gesetzgeber, liebe Prüfungsorganisationen und lieber Berufstand: Lasst uns daran arbeiten. Lasst uns gemeinsam überlegen, wie wir diese Dienstleistung in die Zukunft führen. Welche Veränderungen und Bewegungen es dafür von uns allen braucht. Und lasst uns dieses Gespräch nicht auf einem Stellvertreterschlachtfeld mit Millimetern, "Monopol-Infragestellung" und E-Mobilität-Boykott führen.

In diesem Sinne
Ihr Nils Hartig
Im August 2019

PS: Wer nach einer Prüfungszulassung für ein Tesla M3 sucht, darf sich gerne an uns wenden :-)