Das ist ein echter Knaller! Unser Bundesverkehrsminister Andreas Franz Scheuer hatte vor ein paar Wochen eine interessante Idee: Er möchte Autofahrern das Fahren von Leichtkrafträdern ermöglichen. Die Empörung in der Fahrlehrerschaft war groß. Und immer dann, wenn alle laut schreien, macht es Sinn einen genaueren Blick darauf zu werfen. Lassen Sie uns mal wieder den Status Quo in Frage stellen ...

Ich wohne in einer Münchener-Vorort-Reihenhaussiedlung. Auf Grund der Immobilienpreise im Speckgürtel ist der Abstand links und rechts zu meinen Nachbarn überschaubar. Und so pflegen wir guten Kontakt zu unseren linken Nachbarn Michael und Franzi. Beide sind Mitte Ende Vierzig. Michael ist früher Motorrad gefahren. Franzi nicht. Die Kinder sind zwischenzeitlich groß. Michael hat wieder Zeit und träumt vom Motorradfahren. Natürlich möchte er das mit Franzi gemeinsam machen. Die zieht aber nicht so richtig mit.

Ein schlauer Trick

Franzi ist ein bisschen öko. Das ist übrigens schick in Münchener-Vorort-Reihenhaussiedlungen. Also hat Michael einen schlauen Trick angewandt um Franzi für zwei Räder zu begeistern. Er hat einen 45er-Elektroroller besorgt. Und siehe da, Franzi fährt damit morgens zum Bäcker. Inzwischen ist sie mit dem Ding sogar in die Arbeit gefahren. Das klappt gut. Aber selbst Franzi merkt, dass sie mit den 45 km/h leicht untermotorisiert ist.

Déjà-vu

Was jetzt kommt kennen alle Fahrlehrer, die Klasse A ausbilden. Michael quatscht so lange auf Franzi ein, bis sie eines Tages vor der Fahrschule steht. Und jetzt geht der Frust so richtig los. Franzi malträtiert die Nerven ihres Fahrlehrers Horst. Und Horst fragt sich, während er mal wieder das Motorrad aufhebt, was Franzi da eigentlich mit dem Führerschein will? Völlig unbegabt. Will auch gar nicht so wirklich Motorrad fahren. Ist auch vorsichtig ängstlich, wenn es um die 180 kg, 6 Gänge und das Manöver Ausweichen nach Abbremsen geht. Na? Haben Sie ein déjà vu?

Was Franzi eigentlich will ...

... ist sicher nicht Motorradfahren. Michael will das. Franzi nicht. Franzi träumt von Sommer, Sonne, Sonnenschein. Mit der Badedecke zum Baggersee. Mit dem Einkaufskörbchen zum Bio-Bauernhof. Und vielleciht auch mal auf den Viktualienmarkt zum Eisessen und Touris glotzen. Mit 6 Gängen, Lederkombi, Motorradstiefeln und Vollintegralhelm hat sie nix am Hut. Aber elektrisch lautlos zum Italiener düsen, das taugt ihr.

Die Kollision ist vorprogrammiert

Und nein liebe Fahrlehrerin, lieber Fahrlehrer! Ich rede nicht vom Verkehrsunfall. Ich rede vom Interessenkonflikt zwischen Horst und Franzi. Horst ist Fahrlehrer. Und Horst bildet Motorradfahrer für's Leben aus. Und deswegen kommt er mit Franzi nicht klar. Die möchte kein Motorradfahrer für's Leben sein. Die möchte auch nicht wie ein Fahrschüler behandelt werden. Mit Nierengürtel, Dachschild und auf die Idiotenwiese zu den Leitkegeln. Franzi ist 46 Jahre alt. Und sie möchte einfach mal mit dem E-Roller und dem Picknick-Körbchen in's Grüne. Ohne Lederkombi. Und weil das nicht in das Mindset von Horst passt, findet er die Idee von Andreas Franz Scheuer völlig bescheuert. Ja sogar lebensgefährlich.

Umparken im Kopf

Der Spruch ist geklaut. Aber er passt exakt. Wenn Horst es schafft, umzuparken, dann entdeckt er ein megageiles (Entschuldigung!) Geschäftsmodell mit riesigem Kundennutzen. Die Schlüsselzahl B 195 ist genau das, was in Franzis Kopfkino los ist. Und wenn Horst es schafft, Ausbildungskonzepte losgelöst von der Fahranfängervorbereitung zu etablieren, dann werden ihm die Franzis dieser Erde die Bude einrennen. Weil sie das bei ihm finden, was sie eigentlich wollen. Und ja, ich sage es klar und deutlich: Fahrlehrer könnten jetzt endlich mal aufhören, jeden wie einen Fahranfänger zu betrachten!

Die Fahrerschulung B195

Übrigens ist die Fahrerschulung keine Erfindeung von Andreas Franz Scheuer. Die Möglichkeit, Klasse B Inhabern das Führen von Krafträdern der Klasse A1 zu ermöglichen, findet sich in Artikel 6 Nummer 3b) der Richtlinie 2006/126/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 20. Dezember 2006 über den Führerschein (ABl. L 403 vom 30.12.2006, S.18).
Die Umsetzung in Deutschland findet sich in der 14. ÄndVO der FeV und ist wie folgt in der Anlage 7b FeV geregeltt:

Den wahrscheinlich exakten Wortlaut der Anlage 7b habe ich Ihnen hier zusammengestellt. In Kraft treten wohl am 01.04.2020. Also pünktlich zu den Frühlingsgefühlen.

Was jetzt zu tun ist

Mal wieder: Treffen Sie eine Entscheidung! Wenn Sie keine Lust auf Franzi haben, ist das auch ok. Wer das Geschäftsmodell "Franzi" entwickeln möchte, trifft jetzt folgende Vorbereitungen:

  1. Erkundigen Sie sich nach einem A1-Elektroroller (Ja, nix anderes!) Und fahren Sie damit!
  2. Überlegen Sie sich, wo Sie die Franzis dieser Erde finden und ansprechen. (Warten Sie nicht darauf, dass sich eine in die Fahrschule verläuft). 
  3. Denken Sie darüber nach, in welchem Alterskorridor Franzi sein könnte (2020 - 25 Jahre = 1995. 1980 - 18 Jahre = 1962. Also Jahrgang 1962 - 1995)
  4. Überlegen Sie sich den Rahmen und die Inhalte für die 90 Minuten Theorie (Das ist kein klassischer Fahrschulunterricht!)
  5. Überlegen Sie sich das gleichermaßen für die 4 x 90 Minuten Praxis (Das ist keine klassische Fahrstunde!)
  6. Denken Sie über eine passende Schutzbekleidung nach.
  7. Planen Sie Kurse und führen Sie das ausschließlich in Kursen durch. (Franzis mögen Gruppen)
  8. Informieren Sie Ihre Fahrschüler welche vor 5 Jahren bei Ihnen Klasse B gemacht haben und die Jahrgang 1995 sind oder älter.
  9. Kontaktieren Sie Ihren Motorraddealer und klären Sie, welchen Kundendatenstamm er einfließen lassen kann (Schließlich möchte der jede Menge A1-Roller verkaufen). Überlegen Sie sich ein gemeinsames Marketing.
  10. Planen Sie eine optisch schöne Kampagne. Wir helfen Ihnen, wenn Sie mögen.

Eine Sache zum Schluss

Wer B195 eintragen lässt, ist nicht Inhaber einer Klasse A1. Damit entfallen die Aufstiegsmöglichkeiten. Ich glaube, das ist Franzi aber gar nicht so wichtig. Und wenn doch, dann weiß sie ja jetzt, an wen sie sich wenden wird.

Wenn ich in diesem Blog immer von "Franzi" spreche, dann meine ich das in keiner Weise despektierlich. Ich glaube allerdings fest daran, dass B195 in ganz besonderer Weise ein "Rollerführerschein" für Damen werden wird (ansonsten gibt es ja noch Franz ;-). Und ich hoffe sehr, mit diesem Blog einen Beitrag zu leisten, um zukünftigen E-Rollerfahrer-/innen als auch begeisterten Motorradfahrlehrer-/innen jede Menge Interessenskonflikte zu ersparen. 

In diesem Sinne, packen Sie es an!

Ihr Nils Hartig im Juli 2019