Ich habe eine dreijährige Tochter. Sie liegt neulich im Badeanzug und mit aufgeblasenen Schwimmflügeln auf unserem Wohnzimmerteppich. Zuerst einmal war das amüsant. Und es hat mit Führerschein nix zu tun. Oder doch? Ich hatte auf jeden Fall ein blitzsauberes Aha-Erlebnis.

Schwimmbad ist ein Riesenthema bei uns zu Hause. Klar! Das macht Spaß. Und wer ins Schwimmbad geht braucht Schwimmflügel. Es sei denn, sie oder er kann schwimmen. Sonst geht man unter. Aber Schwimmflügel sind eigentlich total uncool. Sie zwicken. Man muss geduldig warten, bis Mama oder Papa die Dinger aufgeblasen haben. Und wirklich gut bewegen kann man sich damit auch nicht. Also Schwimmenlernen ist ein lohnenswertes Ziel. Zumindest sieht meine kleine Tochter das so.

Wenn Sie Kinder haben, kennen Sie das. Oder Sie sind damit schon durch. Schwimmenlernen ist hardcore. Besser ausgedrückt: Schwimmen ist ein hoch komplexer Handlungsablauf. Ich muss Arme und Beine koordiniert durchs Wasser bewegen. Symmetrisch. Aufeinander abgestimmt. Passend zur Atmung. Selbstbeobachtung ist dabei schwierig, denn die Gliedmaßen sind bekanntlich unter Wasser. Absaufen darf ich dabei jetzt auch nicht. Wasserschlucken ist unangenehm. Vielleicht spielt auch ein bisschen Angst mit. Und in dem ganzen Stress bekomme ich jetzt als Lernende/r noch laufend Anweisungen vom Beckenrand.

Vielleicht liegt es an meiner Unzulänglichkeit?

Meine Tochter jedenfalls hat für sich beschlossen, dass sie das besser anders lernt. Mit weniger Stress. Von leicht nach schwer quasi. Und so springt sie neulich an ihren Kleiderschrank, zieht die Badehose an, bittet ihre Mutter die Schwimmflügel aufzublasen und legt sich rudernd auf den Wohnzimmerteppich. Und dann hat sie sich von mir beschreiben lassen, wann, wie und wo die Arme nach vorne und zurück müssen. Wie das mit den Beinen funktioniert und was Kopf und Mund wann machen. Übrigens ganz ohne Wasserschlucken. Trockenübung eben. Untergehen kann man in den Flusen des Wohnzimmerteppichs auch nicht. Aha, denke ich mir.

Irgendwie haben wir dann gemerkt, dass das auf dem Teppich doof ist. Man kann nämlich Arm- und Beinbewegungen nicht wirklich simulieren. Diese müssen auch nach unten gehen. Dreidimensional. Und so haben wir kurzerhand einen astreinen Schwimmsimulator gebaut. Das war die Sitzbank unseres Esszimmertisches. Später haben wir das mit einer umgekehrten Sprudelkiste und einem Kissen perfektioniert. Meine Tochter hatte Spaß. Ihr zwei Jahre älterer Bruder auch. Bei seiner Eitelkeit gepackt, hat er sich kurzer Hand daneben gelegt. Er könne ja schon schwimmen (sagt er). Und auf einmal geben sie sich gegenseitig Anleitung, Rückmeldung und Hilfestellung. Und: Sie trainieren da gerade einen komplexen Handlungsablauf. Natürlich würden sie selbst das so nicht nennen. Und auch gar nicht bewusst wahrnehmen. Aber sie tun es. Aha!

Komisch. Und irgendwie beeindruckend!

Meine kleine Tochter erklärt mir als Oberlehrer, wie sie Handlungsabläufe lernen möchte. Man springt eben nicht als totaler Anfänger ins Becken. Man versteht und koordiniert Handlungsabläufe zuerst einmal gefahrlos und in Ruhe (im Trockenen). Sitzen sie - und erst dann -  werden Sie im echten Leben (Wasser) trainiert. Eigentlich logisch. 

Die Frage ist, wie machen wir das in der Fahrausbildung?

Wie geht denn eine erste Fahrstunde so? Sitz, Spiegel, Sicherheitsgurt. Bedienungs- und Kontrolleinrichtungen. Ja. Aber erklären wir das dort? Hört unser Schüler das jetzt zum ersten Mal? Oder hat er diese Handlungsabläufe schon vorher verstanden und koordiniert?

Ausschnitt Ausbildungsplan

Bei mir jedenfalls hörten meine Fahrschüler viele dieser Handlungsabläufe eigentlich erst in den Fahrstunden zum ersten Mal. Ich bin laufend am Erklären. Und ich erwarte, dass sie aufmerksam zuhören. Mitmachen. Dabei stehen sie eigentlich bereits knietief im Becken. Sie sitzen nämlich im echten Auto und sind mitten im Straßenverkehr. Und es geht weiter: Heranfahren an Kreuzungen, Vorfahrt, Abbiegen. Nebenbei die Fahrzeugbedienung. Meinen Schülern steht das Wasser bis zum Hals. Das ist absurd.

Aber was würde passieren, wenn meine Schüler diese Abläufe nicht nur kennen würden, sondern sie bereits im Kopf trainiert hätten?

Sie könnten sie! Sie wüssten, was zu tun ist. Sie würden die Handlungsschritte kennen. Sie wären sie im Kopf ja schon zigfach durchgegangen. Mental. Sie wären keine Anfänger mehr.

Für Spitzensportler ist das längst selbstverständlich. Kein Rennrodler würde sich ahnungslos in den Eiskanal stürzen. Kein Skispringer auf die Schanze stellen. 

Und damit ich richtig verstanden werde:

Ich rede jetzt nicht vom zehntausend Euro teuren Simulator. Um Schwimmbewegungen zu üben, braucht meine Tochter keinen Bildschirm mit Schwimmbecken vor sich. Sie braucht auch keine Kopfhörer mit Wassergeplätscher. Sie hat Ihren Verstand. Ihre Vorstellungskraft. Arme und Beine. Und einfachste Hilfsmittel (Sprudelkiste). Sie hat nämlich einen bordeigenen Simulator. Im Kopf. Der kann sogar kostenfreie Updates.

Und die Idee hat zunehmend Charme. Autofahren ist nix anderes, als eine unendliche, situationsangepasste Aneinanderreihung von Handlungsabläufen. Und es ist absurd, diese im tiefen Wasser erklärt zu bekommen. Autofahren lässt sich schon vor den Fahrstunden mental trainieren. Autofahren im Kopf eben. Mit einfachen Hilfsmitteln. Denken Sie mutig und seien Sie kreativ! Und erst dann geht es auf die Straße.

Im Rahmen von Fahrausbildung 3.0 entwickeln wir gerade "Chairdriving". Was das im Detail ist, erfahren Sie im Modul "Mental Replay". Mit "ver-rückten" Ideen und Requisiten. Und weil Ihr Schüler keine Zeit hat, entrümpeln wir mit Ihnen den Theorieunterricht (Frischer Wind). Denn dort muss Autofahren beginnen. "Autofahren im Kopf" eben.

03 Webseite Module Vernetzung

Was halten Sie von der Idee? Wollen wir sie anpacken?

Wir werden diesen Weg mit Ihnen gehen. Allerdings benötigen Sie dafür vier Voraussetzungen: Sie müssen verrückt, mutig, neugierig und leidenschaftlich sein. Dann werden wir Fahrausbildung in diesem Land neu gestalten.

Ich freue mich über Ihre Rückmeldungen.

Ihr Nils Hartig
Januar 2018